Lissabon Der alte Kontinent

Nach eineinhalb Jahren führte mich mein letzter Besuch bei meinem Weltreisenden wieder in eine europäische Stadt. Der Kreis schliesst sich langsam, vom östlichen Istanbul führte der Weg nun nach Lissabon im Westen.

lissabon by air 20141021 1082645000Zwei Tage war Amos von Down Under nach Lissabon unterwegs. Am Freitagabend durfte auch ich mich in unserer Wohnung im Ausgehviertel Bairro Alto einquartieren. Im katholischen Portugal ist der Sonntag tatsächlich ein Ruhetag. An jedem anderen Abend aber wird gefeiert in Bairro Alto! Wenn man ein wenig schlafen möchte, sind geschlossene Fenster ein Muss. Doch uns gefiel es sehr gut im Quartier der Gassen, die tagsüber sehr verschlafen waren, und abends Bars und Restaurants spriessen liessen. Wenn man keine Lust auf die Massen hat, kann man am Sonntag in aller Ruhe feiern.

vollmond im barrio alto 20141021 1349579895Am ersten Tag machten wir eine Food Walking Tour, um die Stadt kennen zu lernen. Elsa führte uns während fünf Stunden herum, erzählte und etwas über die Geschichte und zeigte uns tolle, nicht-touristische Restaurants. Zum kleinen Laden mit den Schweinebraten-Sandwiches kehrten wir gleich zwei Tage später zurück. Wir kosteten weitere portugiesische Spezialitäten wie das verhängnisvolle Dessert Pastel de Nata, leckeren Wein, den speziellen Sauerkirsch und entdeckten unsere Liebe für den Schinken Pata Negra. Nach all den Reisen war dies unsere erste geführte Tour, und sie machte wirklich Spass. Die Organisatorinnen möchten ihre Gäste in Lissabon wie in ihrem zuhause zu Tische bitten, so ergeben sich Gespräche und eine lockere Atmosphäre, bei der man auch noch Spannendes erfährt.

mirrador i 20141021 1914419184Eigentlich hätte der Töff am gleichen Tag wie ich ankommen sollen, doch der Freight Forwarder in Sydney hatte ihn als „machinery“ bezeichnet, weshalb er noch immer in Madrid steckte. Zuerst mussten die Papiere passend gemacht werden, bevor er dann mit dem Laster, anstatt mit dem Flieger, nach Lisboa gebracht werden sollte. Wir hofften, dass dies in einer nützlichen Frist geschehen würde, da wir noch einige Spritzfahrten vor hatten. Wir verbrachten die Tage damit, durch diese schöne Stadt zu schlendern, für sehr wenig Geld tolles Essen (vor Allem Fisch und Meeresfrüchte) zu geniessen und die Miradouros zu besuchen. Ein Miradouro ist ein Aussichtspunkt, von denen es im auf 20 Hügeln errichteten Lissabon genügende gibt. Und überall war der Ausblick super! Sei es vom Westen zum Castelo de Sao Jorge, vom Pantheon über den Fluss Tejo, oder vom Schloss selbst zum Cristo Rei (abgeguckt in Rio de Janeiro) und der Brücke Ponte 25 de Abril (vom Architekt der Golden Gate Bridge höchst persönlich kopiert) - es gibt aus jedem Blickwinkel etwas zu entdecken. bruecke des 25 oktober i 20141021 1822624146Lissabon steckt voller Geschichte und Geschichten, so gibt es beispielsweise eine Kirche, in der es bereits fünf Mal gebrannt hat. Man glaubt, dass sie insgesamt sieben Mal brennen muss, bevor sie von den Sünden, welche die Katholische Inquisition dort begangen hat, gesäubert sein wird. Sie wurde nach dem letzten Brand nicht renoviert, die Brandmale sind Zeichen der Reue und Erinnerung. Mysteriös ist, dass auch das ehemalige Inquisitionsgebäude bereits fünf Mal vom Feuer heimgesucht wurde... Oder dann ist da noch der imposante Platz Praça do Comercio, wo früher alle Handelsschiffe eintrafen und die exotischen Waren aus den Kolonien ausluden. Mitten auf dem Platz steht die Statue des verhassten Königs José I., welcher kurz nach dem verheerenden Seebeben von 1755 die Stadt und seine Familie hinterliess und flüchtete. Die Erde bebte während zehn langen Minuten, was die damaligen Menschen unweigerlich als Gottes Zorn interpretierten. Zu allem archeologisches museum 20141021 1434733329Unglück folgte auch noch eine Tsunamiwelle und verursachte noch mehr Zerstörung. Erst nach einigen Tagen kehrte der König zurück und für diese Feigheit wird er heute noch verachtet. Diese Katastrophe ist der Grund, weshalb man heute nicht mehr viele typisch mittelalterliche Bauten findet. Es gab aber trotzdem viel zu entdecken und es war schön, einfach in den Tag hinein zu leben und zu spazieren. Bei Regen sollte man allerdings vorsichtig sein, die von Sklaven mühsam verlegten Pflastersteine sind sehr glatt, wenn sie nass sind! Ebenso mühselig ist die portugiesische Sprache. In geschriebener Form ist sie einfacher zu verstehen, ausser wenn total fremde Wörter benutzt werden, welche auch mit Französisch-, Spanisch- oder Italienischkenntnissen nicht erkannt werden können. Die schnelle und unverständliche gesprochene Sprache war nochmals eine Stufe herausfordernder. Die Kellner fanden zumindest unsere Versuche zum Schmunzeln und stellten sich als sehr gute Englischsprecher heraus. Obrigada!

auf dem segelschiff ii 20141021 2081436126Am Dienstagabend hatten wir etwas Besonderes vor. Wir machten eine Tejo-Rundfahrt in unserem privaten Segelschiff und durften dabei die Stadt für einmal vom Wasser aus bestaunen. Nach einem schönen Sonnenuntergang bekamen wir ein super Abendessen an Bord. Eine sehr schöne Erinnerung!

Am Mittwoch durften wir endlich den Töff abholen. Nachdem die erste Schalter-Hüterin für einige Minuten hinter den Kulissen verschwunden war, kam sie zurück und entschuldigte sich: „Could you come with me? This is very unusual!“ Ach ja…meinen sie??? Ihre Kollegin in einem anderen Büro nahm sich des Problems an und Eines kann man den EU-Beamten lassen: einige versuche doch, ordentliche Arbeit zu leisten. alles noch drin 20141021 2037782311Amos versuchte der Frau zu erklären, dass sie das Carnet nicht brauche, sie hingegen meinte, dass die Schweiz kein EU-Mitglied sei, was bei den Staatsgrenzen zu Problemen führen könnte. Sie bat ganz anständig um eine halbe Stunde, um sich zu informieren, da dieses Ereignis gänzlich neu für sei. Wir gaben ihr die Zeit und machten eine Kaffeepause. Danach wurde noch immer fleissig recherchiert und andere Büros angerufen. Nach nur zwei Stunden bei den Behörden durften wir den Töff in Empfang nehmen und auf dem Hof auspacken. Auch dafür benötigten wir noch einmal zwei Stunden. Nach dem Entfernen der lotterigen Kartonschachtel befreiten wir alle festgezurrten Utensilien vom Palett. Es war alles da und intakt. Anschliessend setzten wir unsere gemeinsame Muskelkraft ein, um das Vorderrad anzubringen und den Töff danach vom Palett zu stossen.

windrosenweltkarte 20141021 1602776294Nun konnte es losgehen! Nach all dieser Zeit machte ich nun auch eine Spritztour mit dem Töff! Wir fuhren in die Stadt und über den Ponte de 25 Abril zum Cristo Rei, der Jesusstatue, welche die Stadt beschützt. Auf der anderen Uferseite des Tejo fuhren wir eine grosse Runde, um über die andere grosse Brücke, die zur Stadt führt, den Ponte Vasco da Gama, zurück zu kehren. Nach nur 100 Kilometern brauchte ich einen Erholungstag vom Töffsitzen. Mittlerweile war es bewölkt und ein wenig regnerisch. Deshalb erkundeten wir am nächsten Tag den nahen Stadtteil Bélem. Der berühmte mittelalterliche Turm war ganz ok anzuschauen, doch uns gefiel der Padrao dos Descobrimientos besser, auch dies ist ein Turm. Die darauf abgebildeten Menschen stellen verschiedene Entdeckungen dar. Allen voran ging natürlich ein Mann mit einem Segelschiff in der Hand. Obwohl sie nur wenige Kolonien halten konnten, sind die Portugiesen sehr stolz auf ihre Seefahrervergangenheit und ihren Vasco da Gama. Vom Dach des Padrao sieht man auf das Mosaik hinunter, das auf dem Vorplatz verlegt wurde und die Weltkarte in einer enormen Windrose zeigt. Schade nur, dass einige Menschen ständig im Bild stehen mussten.

cabo roca 20141021 1700290914An unserem letzten Tag machten wir die Fahrt, die wir geplant hatten: Wir fuhren zum westlichsten Punkt des europäischen Festlandes, dem Cabo da Roca. Wenn man von dort auf den Atlantik schaut, ist es verständlich, weshalb die frühen Seefahrer in die Ferne fahren wollten. Die Sonne strahlte noch einmal für uns und wir hatten einen schönen letzten Tag.

Ich musste in der Nacht bereits um 4 Uhr los, da ich einen sehr frühen Flug hatte. Noch nie fiel es mir so einfach, nach Hause zu fliegen. Schliesslich musste ich mich dort langsam aber sicher auf die Heimkehr meines Weltreisenden vorbereiten. Ich freue mich sehr darauf