Kanada Coast to Coast

Meine nächste Reise stand an, und dieses Mal hatten wir viel Zeit. Dies war auch nötig, denn Kanada ist mit einer Fläche von knapp einer Million Quadratkilometern ein riesiges Land, das wir schliesslich durchqueren wollten – vom Pazifik zum Atlantik.

vancouver 20140801 1684426600Ich traf meinen Weltreisenden in Vancouver, wo wir einige Tage verbrachten und uns an die nordamerikanischen Sitten, Grössenverhältnisse und Städte gewöhnten. Wir begegneten zum ersten Mal der grossen Bierauswahl, welche aufgrund vieler kleiner Brauereien sehr vielseitig und spannend zu entdecken ist. Nach einigen Tagen des Flanierens, einem Besuch im Aquarium und in Chinatown, war es Zeit, unser Roadtrip-Gefährt abzuholen. Unser Van hiess „Enigma“ und sollte für die nächsten Wochen unser Zuhause sein. Der Van ist so ausgebaut, dass man hinten Zugang zu den „Küchenschränken“ hat, in der Mitte befindet sich der Stauraum unter der Schlaffläche und das Highlight ist natürlich das Design. Mit der Bemalung fielen wir überall auf. Wir waren bereit, als Erstes die Provinz der Beautiful British Columbia zu erkunden. Unsere erste Destination, Vancouver Island, erreichten wir mit der Fähre. Dort lernten wir zum ersten Mal die Süss-Kartoffel-Frites kennen, welche bei uns unbekannt sind, aber sehr gut schmecken. Auf Vancouver Island suchten wir den ersten von vielen Campingplätzen auf und genossen unser erstes Abendessen vom Grill. orca ii 20140801 1694047773Viele Campingplätze befinden sich in Provinz- oder Nationalparks, bieten einen Platz mit Feuerstelle und alles vom Plumpsklo bis zum komfortablen Duschhaus. Nach unserer ersten Nacht im Van wusste ich, dass wir uns darin auch über längere Zeit sehr wohl fühlen würden. Das Bett war bequem, und nach dem Kauf von grossen Kissen war das Schlaferlebnis perfekt. Neben einem Besuch in Victoria, der Hauptstadt der Provinz, gingen wir auch zum Whalewatching, um die einheimischen Orcas zu sehen. Wir hatten Glück und sahen Einige, teils auch aus nächster Nähe. Besonders faszinierend war es, als ein grosses Exemplar unter unserem Boot durchschwamm. Ein sehr eindrücklicher Ausflug. Auf einer Strasse in einem besiedelten Gebiet sahen wir auch ein anderes grosses Tier: einen Schwarzbären. Er jagte uns einen kleinen Schrecken ein, als er plötzlich auf der Strasse stand. Er flüchtete zwar sehr schnell, doch wir sollten später noch mehr mehr sehen. Nach ein paar Tagen kehrten wir nach Vancouver zurück, um von nun an bis zum Atlantik stetig nach Osten zu fahren.

moraine lake ii 20140801 1775847697Als wir uns den Rocky Mountains näherten, zog es uns zum Rafting. Im Gegensatz zu Neuseeland waren wir dieses Mal auf dem viel wilderen Kicking Horse River, der uns ziemlich durchschüttelte. Es machte riesigen Spass! Und da waren sie nun, die eindrücklichen Rocky Mountains. Es war einfach nur schön, alle diese Berge, teils schneebedeckt, teils dicht bewaldet, zu sehen und sich in diesem dichten Grün zu bewegen. In den berühmtesten Nationalpärken, Banff und Jasper, war sehr viel los. Die Kanadier sind selbst sehr campingfreudig und wir sahen Wohnmobile, die die Grössen einer Wohnung hatten, und die hinter sich auch noch das Familienauto mitschleppten. Zudem war am 1.Juli Canada-Day, der unserem 1.August entspricht. Anscheinend haben Kanadier die Tendenz, diesen Tag zu ausgiebig zu feiern, denn auf gewissen Campingplätzen herrschte ein totales Alkoholverbot. Wir sahen Seen mit umwerfend türkisener Farbe, Wasserfälle und wilde Flüsse. Kanada, wie man es sich vorstellt! peyto lake 20140801 1333418383Um beim Wandern nicht von Bären überrascht zu werden, wurde einem geraten, Lärm zu machen, um die Bären zu verscheuchen. Wir redeten viel und laut, weshalb uns eine allzu nahe Bärenbegegnung erspart blieb. Wir sahen jedoch pfeifende Erdmännchen, viele Streifen- und Eichhörnchen, Elchkühe, Ziegen und Rehe. Beim Kicking Horse Pass sahen wir auch die Pionierleistung, welche Kanada den Weg zum heutigen Status geebnet hatt: Die Eisenbahnlinie durch die Rockies, welche beide Küsten verbindet und zu einer Nation zusammenschweisste. Es ist erstaunlich, welche Hürden mit der damaligen Technik überwunden wurden. Heute erleichtern Tunnels die Überquerung der Berge. Dies ist auch nötig, denn die Güterzüge haben die gleichen Dimensionen wie das Land selbst, sie scheinen unendlich lang. Vom südlich gelegenen Banff Nationalpark fuhren wir über den Icefield Parkway, der von Gletschern und Bergen gesäumt ist, in den nördlicheren Jasper National Park.

saskatchewan 20140801 1984579290Dort verabschiedeten wir uns in einem Thermalbad von den Rocky Mountains, denn nun sollte es in die Provinz Alberta gehen, wo die Prärie beginnt. Wir machten in Edmonton, der nächsten grossen Stadt, nur einen kurzen Stopp im ehemaligen grössten Einkaufszentrum der Welt, welches eher einem Erlebnispark ähnelt. Wir hatten dort ein bestimmtes Ziel: Spareribs im Restaurant Tony Romas. Es schmeckte natürlich köstlich! Der nächste Ort, die Badlands, haben ihren Namen redlich verdient. Das Gebiet wurde zum UNESCO-Welterbe gekürt, da dort sehr viele, gut erhaltene Dinosaurierskelette gefunden wurden. Es sieht heute noch so aus, wie ich mir Dino-Gebiet vorstelle: Felsen, Büsche und kleine Flüsse. Der Kontrast zu den Rockies wurde uns besonders bewusst, das Land ist hier flach und es finden sich kaum mehr Bäume. In den nächsten beiden, eher ereignislosen Provinzen Saskatchewan und Manitoba, war dies noch viel extremer. Es gab dort nichts ausser Felder und einsamen Farmen, soweit das Auge reichte. Als wir einige Tage durch diese endlose Prärie fuhren, fühlte ich mich schon ein wenig verloren. Es gab nichts ausser der Ebene um uns herum. Und auch wenn Kanada bei seiner Grösse sonst schon sehr dünn besiedelt ist, kam es uns in diesen Regionen vor, als lebe dort gar niemand. Und auch Regina, die einzig grössere Stadt in der Gegend, machte einen eher desolaten Eindruck. Hier hatte man den Eindruck, als wäre nie geplant gewesen, dass dort jemand lebt.

bisons 20140801 1041542848In Manitoba machten wir im Riding Mountain National Park Halt und genossen zwei erholsame Tage am schönen Lake Audy. In dem Park gibt es ein sehr grosses Freigehege für Bisons. Wir hatten Glück und konnten die Tiere und ihr imposantes Erscheinungsbild aus der Nähe sehen. Bei ihren bulligen Köpfen und einem Körpergewicht von rund einer Tonne bleibt man auch ohne Warnschilder gerne im Auto. Die Geschichte der Bisonbestände ist eher traurig. Wenn man vor Ort sieht, wie gross Kanada ist, ist es noch erschreckender zu wissen, dass die weissen Siedler das Tier an den Rand des Aussterbens getrieben haben. Heute gibt es nur noch einige Tausend Bisons in Kanada. In dem Park konnten wir auch endlich einen Bären in aller Ruhe beobachten. Ein noch junger Schwarzbär (so gross wie ein Kalb), suchte im Gras neben der Strasse nach Essbarem und liess sich durch unsere Anwesenheit nicht beeindrucken.

canoe lake ii 20140801 1903328410Weiter in Richtung Osten kamen wir wieder in ein Gebiet, das dem Kanada aus den Bildbänden entspricht: Ontario. Die Provinz ist sehr grün, angeblich gibt es pro Einwohner 3500 Bäume. Dazwischen finden sich sehr viele Seen, welche zum Kanufahren einladen. Dies taten wir dann im Algonquin Provincial Park auf dem, wie passend, Canoe Lake. Wir paddelten durch die Stille und begegneten einer sich sonnenden Schildkröte. Ontario erinnert mit seinen Vorschriften und Schildern an viele andere ehemalige Englische Kolonien. So durfte man auf der Überlandstrasse nur 90 km/h schnell fahren, was nach den 110km/h in Saskatchewan und Manitoba die langen Fahrten zu einer langwierigen Sache machten. Doch Ontario ist auch die Provinz mit den Big Lakes, allen voran der Lake Superior. Wenn man dort am Ufer steht, könnte man meinem, auf das Meer hinaus zu blicken. Am östlichen Ufer des Lake Superiors stoppten wir in Sault St.Marie, wo ich mein Bedürfnis nach einem guten Essen befriedigen konnte. Passend zur Einöde der Prärie war auch das Essen eher eintönig und halt sehr nordamerikanisch. Wir fanden jedoch ein italienisches Restaurant, welches uns eine sehr gute, beinahe europäische Pizza servierte. Wir sahen uns auch die Schleusen an, welche grossen Frachtschiffen die Durchfahrt vom Atlantik, über den St.Lawrence Strom, durch den Lake Huron bis zum Lake Superior ermöglicht.

ville de quebec 20140801 1638006755Wir fuhren dem St.Lawrence Strom entlang, um in die französischsprechende Provinz Québec zu gelangen. Das Französisch dort war eher schwierig zu verstehen, doch die Städte erinnern einen wieder viel stärker an Europa. So auch die Stadt Québec, unser Ziel am Atlantik. Quebéc Ville hat eine wunderschöne Altstadt, eine Stadtmauer und viele tolle Restaurants. Wir verbrachten zwei Tage dort und genossen den Abschluss unserer Kanadadurchquerung. Wir schlenderten durch einen Markt, assen gutes Essen und mischten uns in die belebten Strassen der Altstadt. Unsere nächste Destination war Montreal. Dort gefiel es uns so gut, dass wir unseren Aufenthalt schlussendlich auf vier Tage ausdehnten. In Montreal war abends immer etwas los. So gerieten wir unerwartet in ein African Festival, wo wir einem Konzert lauschten und das sommerliche Wetter genossen. Die Stadt ist ein Mix aus nordamerikanischer Grossstadt mit Wolkenkratzern und einer europäischen Stadt mit kleinen Quartieren und Ausgehvierteln. Einmal mieteten wir Fahrräder, da Montreals Strassen sehr velofreundlich sind, und drehten damit auch eine Runde auf der Formel 1-Strecke. Danach fuhren wir zum olympischen Stadion, wo man mit einem Lift auf den schiefen Turm fahren und die tolle Rundumsicht geniessen kann. Am nächsten Tag mussten wir natürlich noch den Mont Réal, welcher den Stadt den Namen gab, erklimmen, um die Stadt auch noch von dort oben zu sehen.

niagara falls canada i 20140801 1425656464Da ich von Toronto nach Hause zurückkehren sollte, fuhren wir zurück nach Ontario, wo wir noch einige Zeit im südlichen Gebiet verbrachten. Natürlich mussten wir auch die Niagarafälle besuchen. Die Stadt bei den Fällen ist sehr touristisch und verfügt auch über ein Casino und weiteren Attraktionen. Trotzdem fuhren wir mit einem Schiff voller mit roten Pelerinen ausgestatteten Touristen zu den Horseshoe Falls, dies sind die Wasserfälle auf der kanadischen Seite. Auch die vielen Leute konnte das eindrückliche Erlebnis nicht trüben. Wenn man das Tosen des Wassers hört und die Gischt einen durchweicht, fühlt man sich ganz klein. Die Wasserfälle auf der amerikanischen Seite sieht man von der kanadischen Seite aus besonders gut. Sie sind ein wenig kleiner als die Horseshoe Falls, doch noch immer gross genug. Das südliche Ontario ist stark von England beeinflusst. Wir hatten schon andere Ortsnamen wie Thessalon, Birr, Stockholm und Paris gesehen. Doch dort befindet sich Cambridge gleich neben London, wo der Fluss Themse fliesst. Und in Stratford findet jährlich ein Shakespeare-Festival statt. Wir fuhren aber nicht ohne Absicht in diese Gegend. feuerturm 20140801 1212934022In London besuchten wir nämlich meinen Grossonkel Toni, der vor 60 Jahren aus Italien nach Kanada ausgewandert war und sich riesig über unseren Besuch freute. Er erzählte uns, dass der letzte Winter bis zu -30 Grad kalt gewesen sei und sehr lange gedauert hätte, was seinen Gemüsegarten gänzlich gebodigt hätte. Diese extremen Temperaturunterschiede führen angeblich dazu, dass es nur zwei Jahreszeiten gibt: „Snow removal“ und „road construction time“. Eine Besonderheit der Region sind die Mennoniten, welche mit den Amish aus den USA vergleichbar sind. Einige Mennoniten leben heute noch wie in früheren Jahrhunderten, ohne Elektrizität oder sonstige moderne Einflüsse. So warnen Strassenschilder vor Kutschen, mit denen sich die Traditionalisten fortbewegen. Und tatsächlich überholten auch wir eine Kutsche mit einem altertümlich gekleideten Paar. Nach einem Abstecher zu einem grossen Farmer’s Market, wo wir den Mennoniten Ahornsirup und Landjäger abkauften, beendeten wir unsere Zeit im Van am gigantischen Lake Huron, wo wir die letzten zwei Nächte auf einem Campingplatz verbrachten. Wir hatten eine tolle Zeit mit Enigma!

seafood platter auf dem cn tower 20140801 1209946691Als Nächstes steuerten wir meine letzte Destination, Toronto, an. Dort durfte ich in den Genuss einer fantastischen Geburtstagsüberraschung kommen und im Drehrestaurant auf dem über 350m hohen CN Tower zu Abend essen. Wir verspeisten eine köstliche Seefood Platter, während um uns herum die Stadt im Licht der untergehenden Sonne gebadet wurde. Danke! Nach sieben Wochen in Kanada war es für mich an der Zeit, dieses tolle Erlebnis und die 9'700 Fahrkilometer hinter zurück zu lassen und in die Schweiz zurück zu kehren.

meine erste reifenpanne 20140810 1011611941Da die Verleihfirma unseres Vans nur in Vancouver stationiert ist, machte sich Amos auf den Weg, den Van zurück zu geben. Dies bedeutete, dass er den Kontinenten nun nochmals in Richtung Westen durchqueren musste. Er legte die Strecke in nur vier Tagen zurück, wobei er seine erste Reifenpanne der Reise bewältigen musste. Ein fieser Nagel setzte Enigma kurzzeitig ausser Gefecht, was Amos aber nicht vom Weg abbrachte. In Vancouver angekommen blieb ihm noch ein Tag, um sich auf die nächste lange Reise vorzubereiten. Sein Motorrad wartete nämlich im entfernten australischen Darwin auf ihn. Er flog via Shanghai und Singapur nach Darwin, um dort die nächste Durchquerung eines grossen Kontinenten in Angriff zu nehmen.