Sumatera The real Adventure

Die Fahrt auf Sumatra entlang des pazifischen Feuerringes war so fantastisch, dass sogar die Reise durch Laos blass aussieht. Im Reiseführer steht denn auch zurecht: „Sumatra, eines der letzten echten Abenteuer.“

auf nach sumatra 20140322 1243443584Die Ankunft in einem Flughafen ist sehr komfortabel, es gibt ohne Aufwand eine SIM- Karte und genügend Geld am Automaten. Danach fahre ich mit dem Flughafenzug nach Medan, meiner Basis, von wo aus ich dann mein Motorrad im Hafen von Belawan aus den Klauen der Behörden heraus-stempeln lassen muss. Dies wird von Mr. Lim's Kontaktmann hier in Belawan erledigt, zusammen fahren wir mit seinem Moped zu den verschiedensten Büros entlang des Hafens. Ich warte jeweils da, während mein Agent seine Arbeit macht. Während des Wartens muss ich natürlich alle möglichen Fragen beantworten, welche die neugierigen, unbeschäftigten Beamten an die Langnase haben. Ich werde aber auch schon eingeführt in die vielen Völkergruppen aus welchen Indonesien besteht. Nach ein paar Stunden und etlichen Büros ist das Carnet gestempelt und wir kommen im Lagerhaus an, wo mein Motorrad zusammen mit bestialisch stinkenden Tierfellen auf mich wartet. Alles sehr einfach, dank Mr. Lim's Kontakten, ohne wäre es wohl fast unmöglich. Es gab vor kurzem ein paar Monate, in denen dieser Weg nicht mehr offen Stand, da ein Indonesischer Marineoffizier Mr. Lim's Schiff und das darauf befindlichen Motorrad beschlagnahmte. Nach einiger Zeit und einer Erhöhung des Preises steht dieser Kanal nun wieder offen. Wo die Preiserhöhung hingeht, ist dann auch klar.

schultransporter 20140322 1169993299Nun mache ich mich auf in den sagenumwobenen Indonesischen Verkehr. Dieser hat schon manchem erfahrenem Overlander zu Fall gebracht. Nach der Komfortzone auf der malaiischen Halbinsel, gibt es hier nun wieder Chaos und ordentliches Gehupe. Rote Ampeln werden in Sumatra prinzipiell nicht beachtet, ausser ab und zu in grösseren Städten. Die Regel dazu habe ich nicht herausgefunden. Regeln gibt es keine. Glücklicherweise ist die Verkehrsdichte in Sumatra im Vergleich zu Java eher gering, also ein idealer Einstieg. Der Grundsatz hier ist, dass deine Strassenseite keinesfalls dir gehört, sondern es muss mit jedem einzelnen Verkehrsteilnehmer darüber verhandelt werden, wer wie viel der Strasse beanspruchen darf. Dabei kommt es auf die „Verhandlungsmasse“ drauf an, auf den nicht zu unterschätzenden „Kamikazefaktor“ des Fahrers und eventuell noch Straßengegebenheiten. Der Kamikazefaktor ist nicht zu unterschätzen, wobei gilt: je jünger der Fahrer, umso grösser der Faktor. Und hier gibt es Jungs, die Moped fahren, die wären bei uns noch nicht einmal in der Schule, bzw. Truckfahrer, die wären bei uns noch lange in der Schule. So komme ich mit nur wenig potenziell gefährlichen Ereignissen die 3'500km bis nach Zentraljava. Obwohl es ab und zu Situationen zu sehen gibt, bei dem Allah, oder der lokal zuständige Gott, mehr als nur ein Auge zudrücken musste, oder eben auch nicht.

sumatra highway i 20140322 1494106901Teilweise fahre ich dem Transsumatra-Highway entlang und teilweise auf kleineren Nebenstrassen. Die Qualität der Strassen bewegt sich zwischen sehr gut und neu über schlecht zu nicht vorhanden. Dies wechselt auf ein und derselben Strasse im Minutentakt. Daher nimmt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von sonst üblichen 60km/h auf 30-40km/h ab. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind hier nicht zu sehen, denn entweder wird man vom Verkehr oder von den Strassen gebremst, manchmal auch von beidem. Getankt wird hier an den staatlichen Tankstellen zum Standardpreis von 50 Rappen. Diese sind gut verteilt und bis auf wenige Ausnahmen auch aufgefüllt, dies auch in abgelegenen Regionen. Trotzdem gibt es oft Stau an den Tanksäulen, da die Mopedfahrer jeweils nur sehr wenig Nachtanken, dafür umso öfters. Somit brauche ich meinen Zusatztank nur, um den Schlangen etwas auszuweichen.

frisches paniertes chicken 20140322 1723841678Die Menschen hier in Sumatra haben noch nicht viele Ausländer gesehen und schon gar nicht mit einem riesigen Moped. So wird man von allen sehr freundlich und interessiert mit „Hello Mister“ begrüsst. Ansonsten sind Englischkenntnisse eher begrenzt. Aber ein Foto wollen alle machen mit mir zusammen. Daher verbringe ich viel Zeit mit Posieren. Es muss wohl sehr mühsam sein, berühmt zu sein. Ich kann das gelangweilte Gesicht von Herrn Depardieu, mit dem Verkäufer auf dem Bild in Baku gut verstehen. Sie wollen wissen, wo ich herkomme, aber die meisten kennen nur Holland, ihren ehemaligen Kolonisator, und Amerika, bestenfalls noch Europa. Allein schon diese erscheinen den Leuten hier genauso exotisch und unvorstellbar wie für uns Sumatra. Auf der ganzen Insel, welche die sechstgrößte der Welt und zehnmal grösser als die Schweiz ist, habe ich nur drei weitere Langnasen gesehen, einen Engländer, der seit zwanzig Jahren in der Abholzung tätig ist und zwei verrückte Holländer. Diese haben, anstatt den geplanten Ferien auf Bali, in Medan ein Moped gekauft und fahren nun zu zweit darauf nach Bali. Das ist ein echtes Abenteuer. Als Überbleibsel des Englischen Kolonisator sieht man überall in Indonesien  Schuluniformen, in jeder Schule eine andere. Morgens um acht wenn alle zur Schule gehen, oder um elf wenn sie zurück kommen, sind die Strassen komplett in den Farben der Uniformen gefärbt.

sonnenuntergang am toba see 20140322 1475777603Die Provinz Aceh ganz im Nordwesten lassen ich aus, einerseits aus Zeitgründen und andererseits, weil da die Scharia herrscht. Daher fahre ich als Erstes auf die Insel Samosir im Tobasee, in gewaltiger See in einer Caldera auf 900m. Generell fahre ich entlang der unzähligen Vulkanen möglichst in grosser Höhe, um so der mörderischen Hitze und Feuchtigkeit zu entgehen. Hier leben die christlichen Bataks, eine der vielen Völker Indonesiens. Die meisten der Dörfer haben keine Kanalisation, so kann man beim Durchfahren die Menschen dabei beobachten, wie sie Kleider, Geschirr und sich selbst im Strassengraben waschen. Generell gibt es hier weder Duschen, noch Toiletten mit Wasserspülung. In einem Badezimmer befindet sich eine Plums-Kloschüssel und ein Behälter mit Wasser, damit spült und duscht man mit Hilfe eines kleinen Kübels. WC-Papier wird, wie üblich in islamischen Ländern, zum Luxusgut und ist mit Gold aufzuwiegen.

am aequator i 20140322 1273756325Die Fahrt führt weiter durch (Ur)Wald und entlang kleiner Dörfer, wo am Strassenrand frisch geernteter Zimt an der Sonne getrocknet wird. Leider ist die gesamte Insel mit einer Rauchdecke überzogen von den illegalen Brandrodungen im Osten der Insel. Daher sieht man leider nur ein bis zwei Kilometer weit. Somit sieht man leider all die vielen Vulkane aus der Weite nicht. Nach 355 Tagen erreiche ich die unsichtbare magische Linie des Äquators. Es gibt hier kein grosses Interesse daran, in jedem anderen Land könnte man sich vor Souvenirständen und Verkäufern kaum retten. Die offizielle Markierung liegt gegenüber dem GPS-Äquator etwa 100m zu nördlich. Daher esse ich an dem Strassenrestaurant genau auf 0.00°S. Mittlerweile bin ich im Land der islamisch matriarchalischen Minangkabau angekommen, eine spannende Mischung. Auch den grössten Vulkan Indonesiens, der Kerinci, sehe ich leider nicht, obwohl ich direkt an seinem Fusse auf über 1000m bin, wo sich riesige Teeplantagen befinden.

reisfelder ii 20140322 1401026253In niedrigen Gefilden sind überall die Reisfelder zu sehen, grosse und kleine, in den Ebenen und Hängen der Täler. Sie sind in allen Stadien zu sehen, denn hier ist ewiger Sommer und der Reis wächst das ganze Jahr und kann das ganze Jahr hindurch geerntet werden. Als ich mich in die Niederungen an die Westküste vage, kommt sofort die Feuchtigkeit und Hitze zurück. Angekommen am Indischen Ozean mache ich eine Kaffee- und Fotopause, als plötzlich die zwei Holländer auf dem Moped daher kamen. Die Fahrt führt nun entlang der Küste mehrere hundert Kilometer durch endlose Palmölplantagen und kleinen Dörfchen, die sich darin befinden. Immer wieder sieht man Trucks, beladen entweder mit der Frucht der Ölpalmen, oder deren Erntern. Irgendwo dazwischen bricht nun, dank der ewigen Schlaglöchern, mein Windschild endgültig. Eine provisorische Reparatur mit gelben Klebeband hilft fürs Erste bis nach Zentraljava. Bald sieht mein Töff auch so verklebt aus wie der von Christian, kann er auch, denn bald hat er gleich viele Kilometer auf dem Tacho.

kaffeebohnen zermalmen 20140322 2061005016In Bengkulu brauche ich eine kleine Pause. Ich gönne mir den absoluten Luxus und nehme ein Zimmer in einen der ganz wenigen Hotels hier mit Dusche und Klimaanlage. Dies brauche ich, um mein Zelt zu reinigen. Denn für die baldige Einfuhr in Neuseeland darf keine Erde mehr daran kleben für die Quarantäneinspektion. Ein kurzer Ausflug in der Stadt ist sonderbar, mehr als die Hälfte aller Läden sind Smartphone-Shops, welche alle dasselbe verkaufen. Nach der Pause geht es nochmals kurz in die Berge, wo Kaffee neben den Strassen zum Trockenen und auf den Strassen zum Mahlen ausgelegt ist. Nun kommt schon bald die Fähre nach Java und  die Bevölkerungsdichte und damit auch der Verkehr nehmen stetig zu und es ist zu erahnen, was einen in Java erwartet. Die 30km lange Sundastrasse zwischen Sumatra und Java ist in nur 2 Stunden in einer grossen, halb leeren Fähre überquert. Leider kann sie weitere zwei Stunden nicht anlegen, da die Anlegestellen besetzt sind, die Menschen sitzen in den laufenden Autos unter Deck veranstalten Hupkonzerte.

Nach den sehr ausgetrampelten Pfaden im Rest Südostasiens, war Sumatra fantastisch unberührt von Tourismus und fremdem Einfluss. Noch mehr Abenteuer würde wohl nur noch eine Reise durch Borneo oder Papua bringen, vielleicht beim nächsten Mal. Sumatra belegt mit 1.0 zusammen mit Norwegen unangefochten die Top One der Reise. Hier wurde die Norwegen-Skala fast gesprengt, eigentlich müsste Sie neu Norwegen-Sumatra-Skala heissen.