Kambodscha - ព្រះរាជាណាចក្រកម្ពុជា Reise durch die Zeit

Nach dem Verlassen Thailands beginnt nun Phase II meiner Reise. Der erste Teil, die Indochina-Rundreise, beginnt im Königreich Kambodscha. Hier ist eine nur wenige Tagen lange Durchreise geplant mit einem kurzem Halt in der Tempelstadt Angkor. Daraus wird aber eine zweiwöchige fantastische Reise durch die Zeit.

angkor wat 20131220 1431675121Der Übertritt an der sehr belebten Grenze bei Poipet schien zuerst einwandfrei zu funktionieren, selbst die geforderten Dokumentenkopien wurden von den Beamten selbst im Kopiershop nebenan gemacht. Nach der Immigration sollte ich nun zum Zollamt für die Einfuhr meines Motorrads, obwohl es nach meinen Internet-Recherchen weder ein Carnet noch ein landesspezifisches Dokument benötigt. Dort angekommen hiess es, ich bräuchte ein Dokument aus dem Zentralen Zollbüro in der Hauptstadt. Ich müsse halt dahin und es holen, es daure etwa eine Woche. Auf die Frage, ob ich stattdessen das Carnet benützen könne, hiess es knapp: „Nein“. Der Herr Uniformierte wollte wohl sein Nachtessen bezahlt haben, was ich ihm nicht finanzierte. So ging ich zurück in eines der Kasinos, welche hier zwischen den Grenzen ihr Wesen treiben, um mich körperlich und geistig etwas abzukühlen. Am liebsten würde ich das Land des Uniformierten gleich auslassen, aber eine Rückkehr zu den Thais wollte ich genauso wenig, wie auf Angkor zu verzichten. Daher nahm ich mein Carnet, ging nochmals zum Zollamt und gab es dem selben Beamten. Dieser nahm es, drückte seine Stempel rein und gab es mir ohne ein Wort zurück. Wahrscheinlich hatte er mich nicht einmal mehr wiedererkannt. Damit war die Sache erledigt. Einmal mehr schien mir, dass die Menschen, der am schlechtesten entwickelten Länder, einen guten Teil dazu selbst beitragen.

bayon - geischter 20131220 1648806130Einen Tag später war ich in Siem Reap, der Stadt neben Angkor. Hier geht’s tausend Jahre zurück zu den Khmer, deren Reich sich damals über weite Teile Südostasiens erstreckte. Angkor war ihre Hauptstadt, wovon ein ganzes Meer von kleinen, grossen und grössten Tempel und Tempelruinen übrig sind. Hier sind sie alle zu finden, die bärtigen Rasta-Hippies, die deutschen Rentner-Herden, die Chinesen und die Langzeitreisenden wie ich. Denn hier muss man gewesen sein! Angkor ist eine der wenigen Top Superlativen auf gleicher Stufe mit den Fjords Norwegens, Petra in der Wüste Jordaniens oder einer Motorradtour durch Laos. Um alle Tempel zu sehen, braucht man mehrere Tage, da es so viele sind. Obwohl wir Touristen uns relativ gut in den riesigen Anlagen verteilten, besuchte ich mit dem Tuk Tuk nur die drei imposantesten in einem Tage, um dann weiter zu fahren. Zuerst ging es zum Angkor Wat, das Aushängeschild, von dem schon jeder einmal ein Bild gesehen hat. Danach zum Bayon mit seinen über 200 Meter hohen Gesichtern aus Stein. Zum Schluss kommt der von der Natur zurückeroberte Angkor Thom, welcher in Tomb Raider als Kulisse diente. Hier wachsen riesige Bäume in, auf und um die Ruinen.

floating village - familientransport 20131220 1647908705Ein weiteres Highlight hier sind die floating Villages auf dem grössten See Südostasiens, dem Tonle Sap. Hier leben Vietnamesen auf Hausbooten draussen auf dem See, inklusive schwimmendem Supermarkt und Krokodilfarm. Wieder einmal fällt auf das auch in entlegensten Dörfchen ohne jegliche Infrastruktur eines anzutreffen ist, eine Mobilfunkantenne.

Bei meiner Recherche für die Weiterreise durch Kambodscha bin ich auf den „Death Highway“ gestossen. Dieser führt auf einen kleinen Pfad von der südlichen Ostprovinz Mondulkiri über 200km durch Dschungel, gerodetem Grasland, Sand und Flüsse in die nördliche Ostprovinz Ratanakiri. Das muss man gemacht haben! Um dies nicht alleine zu machen, kontaktierte ich Reini von „Adventure Ride Asia“, der hier, genauso wie Patrik in Kirgistan, Offroad Touren inklusive Motorräder anbietet. Da er gerade diesen Trip nach Norden machte mit ein paar Freunden, konnte ich mit ihm danach dieselbe Strecke nach Süden mitfahren. Geplant war erst eine Fahrt nach Phnom Penh und danach die Strecke von Süd nach Nord zu fahren, kurzerhand wurde der Plan geändert und somit fuhr ich nun erst nach Ratanakiri, um dann mit Reini nach Süden zu fahren.

koh ker - pyramide 20131220 1166547915Auf dem dreitägigen Weg dahin, fuhr ich durch ehemals sehr abgeschiedenes Gebiet, welches aber heute mit einer größtenteils mit geteerten Strassen ansonsten mit tiptop laterit Strassen erschlossen ist. Hier fuhr ich entlang von kleinen ursprünglichen Dörfchen mit Holzhäuschen auf Pfählen. Dabei kam ich an zwei weiteren abgelegenen Tempelkomplexen vorbei, Koh Ker und Boeng Mealea. Beide sind gleich gross und imposant wie die bei Angkor, jedoch war ich da ganz alleine. Boeng Mealea hat die gleiche Struktur und grösse wie Angkor Wat und ist zu einem grossen Teil verfallen. Zusammen mit dem Parkwächter konnte ich die ganze Anlage fast alleine durchforsten. In den Anlagen von Koh Ker war ganz bestimmt King Louie zuhause. Kambodscha ist Mogli-Land. Auf halbem Weg traf ich nun zum dritten Mal an den gewaltigen Mekong und überquere ihn in meiner ersten Mekong-Fähre. Wie ich schon in Montenegro und Griechenland Christian erklärte, eine wirklich gute Motorrad-Reise braucht eine Fähre. Nach alledem bekam das fantastische Kambodscha eine hervorragende 0.9 auf der Norwegen-Skala und mehr Zeit als nur ein paar Tage durchreise, denn genau hierhin wollte ich.

lateritstrassen sind staubig 20131220 1480586395In der abgelegenen Ostprovinz Ratanakiri gab es einst noch viel Urwald, diesen wollte ich unbedingt sehen. Leider fand ich ihn nicht, denn dieser war bereits in Form von SUV's der Damen und Söhne der Politik- und Militär Elitefunktionären auf den Strassen von Phnom Penh unterwegs, beziehungsweise nach Vietnam abtransportiert. Ich war bereits in der Zukunft und stattdessen fand ich unendliche Kautschukplantagen, aus welchen dann unsere Reifen gemacht werden. So kam ich zwei Tage zu früh in Ban Lung an, der Provinzhauptstadt und Ausgangspunkt für den „Death Highway“. So machte ich einen kleinen Tagesausflug in ein abgelegenes Dörfchen.

Dort prüfte ich aus Spass meinen Ölstand, denn mein Motor verbrauchte bisher noch nie einen einzigen Tropfen Öl. Ich war geschockt, denn der Level war unter Minimum und das nach dem grossen Service 1'000km zuvor in Bangkok bei BMW. Besorgt fuhr ich zurück nach Ban Lung, um neues qualitativ akzeptables Öl zu finden, was nicht ganz einfach ist in einer kambodschanischen Kleinstadt. Noch viel schlimmer war nun aber die Ungewissheit über den Zustand meiner Maschine nach dem Service. Hat der Motor nun, die nachgefüllten 0.7l seit Bangkok verbraucht, oder hat lediglich BMW geschlampt und nicht vollständig aufgefüllt? Zuhause in der gemütlichen Norden Lodge prüfte ich noch andere Arbeiten von BMW und fand das Kettenschloss meiner Antriebskette so unmenschlich stark angezogen, dass es nicht mehr leicht beweglich war und somit die Ritzel innert kürzester Zeit abschleift. Daher musste ich mein Ersatzschloss opfern und das alte ersetzen. neues kettenschloss 20131220 1793254555Ich begann eine technische Diskussion über Mail mit dem Servicemanager von BMW über mögliche Ursachen und zwecks Stellungnahme. Mittendrin, noch nicht klar was nun mit meinem Motor los war, wollte der Herr noch Geld, dass Sie vergessen hatten abzurechnen. Da platzte mir der Kragen. Nun war es definitiv Zeit, nach dem Touratech-Debranding auch noch ein BMW-Debranding vorzunehmen. Nach weiteren 1'000km ohne weiteren Ölverlust wurde nun aber klar, dass der Mechaniker lediglich nach dem Nachfüllen der 3l gemäss Procedere nicht mehr nachgemessen hatte. Solches kommt mir nur allzu bekannt vor, von den globalen Zweigstellen meines früheren Arbeitgebers. Die lokalen „Engineer“ können den gleichen Job gemäss Procedere für weniger Geld machen. Kommt es jedoch zu Abweichungen oder wird Hintergrundwissen benötigt, fällt die Qualität massiv ab und wir konnten dann die Fehler korrigieren. Nach einem ganz bestimmten Mail übernahm dann BMW die vergessenen Kosten.

auf der faehre 20131220 1882199357Nachdem Reini mit Carsten (mit seiner F650GS), Rob und Fabian in Ban Lung angekommen waren, trafen wir uns auf ein paar Bier und zum Fachsimpeln über Reisemotorräder und den „Death Highway“, welcher nun nicht mehr so abenteuerlich sein soll, da er zum grösstenteils bereits einer Baustelle für die neue Strasse gewichen ist. Aber nichts desto trotz ging's nun los. Die ersten Kilometer waren noch einwandfrei bis nach Lumphat, der ehemaligen Provinzhauptstadt, welche von den USA komplett „in die Steinzeit gebombt“ wurde (Zitat US-General Curtis E. LeMay). Da die neue Brücke über den Fluss Srepok noch nicht fertig war, nahmen wir eine Fähre. Diese bestand aus zwei kleinen Booten, zusammengehalten von einer Ladefläche aus Holzlatten. Die Auf- sowie Abfahrt sind steil, sandig oder mit Baustämmen befestigt, beides aufs äusserste spannend. Wie der Pick-Up, der hinter uns kommen sollte, dies machen würde, war mir ein Rätsel. Auf dem Fluss, auf welchem bereits Hauptmann Willard in Apocalypse Now auf der Suche nach dem abtrünnigen US Oberst Kurtz hochfuhr, stieg dann auch das Adrenalin. Kambodscha ist die perfekte Filmkulisse. Danach kommen einige Kilometer Waldwege mit teilweise Sand und Kies, nichts was meine F800GS nicht könnte. Die restlichen 150km fuhren wir auf der Baustelle für die neue Strasse, teilweise in hohem Tempo, da die Strasse bereits fast fertig ist und teilweise über Stock und Stein, da die Arbeiten erst begonnen haben. Nach der Hälfte der Strecke tauschten wir die Motorräder und ich fuhr mit einer echten Off-Road Maschine, welche weniger als halb so schwer ist wie meine, was ein ganz anderes Fahrgefühl bot. Und so kamen wir rechtzeitig in Sen Monorom, der Provinzhauptstadt von Mondulkiri, an. Die Fahrt war sehr spannend, auch wenn der Weg den früheren Namen nicht mehr verdient. Meine Maschine und ich haben alles bestens überstanden, bis auf den Kofferträger, der nun lampt. Die Touratech-Sollbruchstelle, welche damals im Pamir bereits gebrochen war, war nun erneut gebrochen. Diesmal wurde sie mit massiven und schraubbaren, das heisst von mir austauschbaren, Mitteln repariert. Daher verbrachte ich zwei halbe Tage in Reinis Werkstatt.

killingfileds 20131220 1144365925Mein letztes Ziel in Kambodscha war Phnom Penh, die Hauptstadt. Der Verkehr hier war ähnlich wie in Thailand bzw. Bangkok, fliessend, funktionierend und wenig aggressiv, solange man keine schnellen Richtungsänderungen macht. Der Unterschied ist, dass das chaotische Element hier so hoch ist, dass des öfteren Death Locks entstehen. Hier ging ich nochmals vier Dekaden zurück zu den Khmer Rouge. Der Autogenozid vernichtete alle welche lesen, schreiben oder eine Fremdsprache sprechen konnten. Alle Städte wurden innert Tagen entvölkert und auf die Felder geschickt. Gegner und vermeintliche Gegner wurden in Gefängnissen gefoltert und auf den Killing Fields mit Hämmern, Schaufeln und Äxten exekutiert, da Patronen zu wertvoll waren. Nach drei Jahren wurden die Khmer von den Vietnamesen von den Khmer Rouge befreit. Da aber die Vietnamesen gemäss US Definition böse waren, wurden die Khmer Rouge von den USA und ihren westlichen Vasallen weiterhin unterstützt (inklusive Waffenlieferungen), bis sich diese schließlich 1998 auflösten.

Nun bin ich bereits zwei Wochen in Kambodscha anstatt einiger weniger Tage. Hier hätte man problemlos einen Monat verbringen können, ohne dass Langeweile aufkäme. Das Wichtigste habe ich gesehen, daher führt nun mein Weg weiter Richtung Laos, welches nach der letzten kurzen Durchquerung von China nach Thailand extrem vielversprechend ist.